Als Domenico Egidio Rossi sein Kavaliershaus baute, hat er sicherlich nicht geahnt, wie es im Jahre 1964 aussehen würde. Auch diejenigen, die das Vergnügen haben, es heute zu betreten, könnten sich kaum vorstellen, dass um diese Zeit dieses geschmackvolle Gebäude als eine Art Sozialwohnung für nicht besonders gepflegte Bewohner mit seltsamen Sitten benutzt wurde. Es wurde durch 13 Personen bewohnt, welche ihre Matratzen direkt auf den Boden warfen und so die Nächte auf dem wunderbaren Parkett aus dem Jahre 1700 verbracht haben. Da sie mit dem Lüften und Saubermachen nicht sehr viel am Hut hatten, waren die Matratzen nach ein paar Wochen absolut nass. Darüber haben sie sich aber nicht allzu viel Gedanken gemacht, da die Stadt es nicht versäumte, die Matratzen nachzuliefern.
Also können Sie sich denken, dass das Parkett nicht mehr gut aussah, und so ging es auch dem ganzen Haus. Später wurde es durch den Landrat erworben, um es als Besprechungs- und Büroraum zu nutzen.
Und das ist mein Glück gewesen, denn ich bekam den Auftrag, das Gebäude zu restaurieren und dem neuen Zweck anzupassen. Nach Glück sah es aber nicht unbedingt am ersten Tag aus und an den kann ich mich ganz gut erinnern.

Als ich den Hof des Hauses betrat, wurde als Erstes ein Nachttopf aus dem Fenster des ersten Obergeschosses geworfen. Ich habe es noch rechtzeitig geschafft, zur Seite zu springen. Leider haben sich das auch die kleinen Bewohner des Topfes vorgenommen – meine Beine saßen voller Flöhe. Ich konnte also das Haus gar nicht betreten und musste erst einen Kammerjäger bestellen, der das Haus entsorgte und die Flöhe vernichtete.

Als ich mich reinwagte, entdeckte ich bereits bei meinem ersten Besuch das Stuckwerk Cuvilliés an den Decken. In Unterlagen existierte dieses Werk gar nicht, es schien so, dass es keinem bewusst war, was für ein unglaublicher künstlerischer Schatz sich über den Köpfen der Besucher befindet.
In der Vergangenheit hatte ich mich bereits ein bisschen mit der Stuckkunst beschäftigt und erkannte das Werk des großen Meisters nicht ohne Aufregung.
Und jetzt musste ich es unbedingt retten!
Mir war klar, dass diese Art Arbeiten bei Weitem nicht jeder gute Stuckatur bewältigen kann. Ich begab mich auf die Suche nach erfahrenen Spezialisten. Die Herausforderung bestand übrigens nicht nur darin, ein gutes Team zu finden, sondern dabei auch den Budgetrahmen nicht zu sprengen. Nach einiger Zeit ist es mir gelungen, sehr gute polnische Stuckateure zu engagieren, welche diesen Auftrag zu ihrer Ehre wunderbar erfüllt haben – der Cuvilliés-Stuck war gerettet.

Für die Arbeiten habe ich eine ganze Menge gelöschten Kalk machen müssen. Wir haben keinen modernen Kalk verwendet, der wäre für die Restaurierungsarbeiten keine richtige Wahl gewesen.
Für den Kalk war ein Riesenbottich bestellt, denn es gab richtig viel zu tun.
Es war eine lange, anstrengende Restaurierungszeit, aber es war auch ein sehr schönes Erlebnis.
Der Innenhof war von einer offenen Säulenhalle umschlossen, daran lagen weitere Räume, welche für die Besprechungszimmer vorgesehen waren.
Die Beheizung der Räume bei dieser Konstellation wäre ziemlich unproduktiv gewesen, denn die Wärme wäre sehr schnell entwichen. Also habe ich die Halle mit Glas geschlossen. Die Stahlkonstruktion dafür habe ich so dünn entworfen, dass man sie fast gar nicht wahrnehmen konnte. Der Eindruck entstand dadurch, dass die Glasscheiben unmittelbar an die Öffnungen mit dünnen Profilen angepasst waren. Diesen Säulenumgang habe ich beheizt, damit die anschließenden Räume auch beheizt werden konnten und als Büros zu nutzen waren.
Das war meine Vorstellung von Restaurierung. Besseres gab es damals noch nicht. Ich habe mir Mühe gegeben, alles so zu machen, wie es mal vor 300 Jahren gewesen war.
In dem größten Raum befand sich ein wunderbarer Holzstern aus acht verschiedenen Hölzern im Parkett. Er war noch nicht von Käfern oder anderen Schädlingen befallen, was mir natürlich sehr wichtig war. Ihn habe ich direkt von einem speziellen Schreinerbetrieb restaurieren lassen.
Das Haus wurde mit jedem Tag schöner, alles entsprach dem Architekturstil seiner Zeit. Aber wann geht es schon bei einem Architekturprojekt alles glatt!
Das Haus hatte drei Räume zur Straßenseite. Verbunden waren sie mit schönen drei Meter hohen Doppeltüren 1,50 bis 1.60 Meter breit. Der Landrat wollte aber diese drei Räume so verbunden haben, dass mehr Menschen an einem Tisch sitzen konnten, und verlangte einen scheitrechten Sturz für einen breiten Durchgang. Eine Katastrophe!
Ich habe dieser Idee sehr widersprochen, doch man wollte nicht auf mich hören. Ich habe alles versucht, um die Herren zu überzeugen, und nahm dabei kein Blatt vor dem Mund:
„Herr Doktor, das geht nicht! Denn hier im Haus gibt es überhaupt keinen rechten Winkel. Und wenn ich jetzt einen scheitrechten Sturz dahin mache, dann ist das dermaßen eine Backpfeife in dem Haus – das kann man nicht ertragen! Das ist hässlich!“
„Ich will einen scheitrechten Sturz und Sie machen mir einen scheitrechten Sturz!“, lautete die Antwort.
Also ob es mir passte oder nicht – war der Kunde doch König. Doch noch ein paar Worte ließ ich nicht ungesagt.

„Dann können Sie mich auch noch nachts anrufen, wenn es nicht gefällt!“
Und später tat er es auch. Aber erst, nachdem ich seinen Wunsch erfüllt hatte, damit er sich selber überzeugen konnte, dass manche Sachen nicht zusammenpassen. Aber was lange währt, wird endlich gut. Am Ende habe ich einen Korbbogen daraus gemacht. Der passte zu dem barocken Still ganz ordentlich.
Als das Rossi-Haus eingeweiht wurde, wurden 180 Bürgermeister zum Fest eingeladen und ich wurde darum gebeten, vieles zu organisieren. So brauchte man für das Büfett eine schöne und sehr lange Leinendecke, die für so viele Personen reichte. Das habe ich mit großem Vergnügen erledigt.
Bei der Einweihung wurde ich geehrt. Später erfuhr ich einige Details der Vorbereitung zu dieser Aktion. Der beste Gärtner in Rastatt wurde engagiert. Er war ein hervorragender Lilien- und Rosengärtner. Er kam mit einem großen, sehr schönen Blumenstrauß zum Landrat, um den für mich bestimmten Strauß vorzuzeigen.
Doch der Landrat hat ihn abgewiesen und wollte unbedingt nur rote Rosen haben – davon 60 Stück. Es war der 3. Januar – um diese Zeit gibt es in Deutschland keine Rosen mehr – die sind alle zu Weihnachten und zu Silvester verkauft.
Später hat mir der Gärtner erzählt, wie verzweifelt er war. Seinen wunderbaren Lilienstrauß musste er zurücknehmen und irgendwo die langen roten Rosen besorgen. Er musste einen Kollegen in Israel anrufen und da die Blumen bestellen. Bei bitterkaltem Wetter in Deutschland wurde der Strauß nach Stuttgart geflogen. Der Gärtner hat ihn persönlich vom Flughafen abgeholt und in einer speziellen Verpackung nach Rastatt gebracht. Als mir dieser Schatz übergeben wurde, war ich überwältigt. Der Strauß war schwerer als ein Baby und unglaublich schön.