Selbstständige Architektenarbeit.
Man studiert lange Zeit, lernt Neues, macht die Prüfungen, man möchte etwas werden und schmiedet Pläne. Aus manchen werden gute Spezialisten und glückliche Menschen, aus anderen mittelmäßige, die den Beruf gerade noch aushalten können und die selbst im Beruf geduldet werden. Wer es nicht will und in den falschen Zug gestiegen ist, bricht einfach ab.
Und es ist nicht so, dass wir diesen Herausforderungen hilflos ausgeliefert sind, auch wenn es sich oft so anfühlt. Das Leben liefert uns unterwegs wichtige Zeichen, warnt vor dem Falschen und bestätigt das Richtige. Manchmal härtet es uns mit seinen Proben ab, aber am Ende versteht man, dass das Leben sehr weise ist.
Mein Werdegang war alles andere als einfach, aber er war bestimmt, es gab wenig Platz für die Verwirrung, für Zweifel.
Meine ersten selbstständigen Projekte durfte ich lange Zeit vor meinem Hochschulabschluss genießen – das war ja auch die Zeit, wo alles möglich war.
Noch vor den Kriegszeiten hatte mein Vater einen Mitarbeiter namens Schimpf in seinem Büro gehabt. Dem Humor meines Vaters war es zu verdanken, dass der Mensch bei uns zuhause nicht anders als Schimpf und Schande hieß. Der Schimpf und Schande war ein aufgewecktes Kerlchen, ziemlich unternehmungslustig. Nach ein paar Jahren hat er sein eigenes Unternehmen gegründet, blieb aber in sehr guten Beziehungen zu meinem Vater. Schimpf und Schande mochte schönes Leben, fast alle seine Aktivitäten hatten luxuriösen Glanz. Er spielte Golf, trug schöne Anzüge, trank teure Weine. Auch seine Art, Kunden zu gewinnen, war beinahe luxuriös. Er trank sich auftragsreich. Ein schönes Spiel, ein üppiges Essen, eine Zigarre vielleicht und die Zuneigung war gesichert. Das war sein Job. Für die Abwicklung der Aufträge hatte er Mitarbeiter.
Meinem Vater genügte ein Brief an Herrn Schimpf, um mir ein Praktikumsplatz in seinem Unternehmen zu sichern.
Es war Krieg. Viele Fabriken lagen in Schutt und Asche. Vieles musste schnell wiederaufgebaut werden, damit das Leben im Land überhaupt funktionierte.
Eine mehr oder weniger normale Fabrikhalle ist aus Architektensicht keine besondere Herausforderung. Eine Stahlkonstruktion ist dabei das entscheidende Element. Nimmt so eine Halle gravierend Schaden wie zum Beispiel bei einem Luftangriff, wird die Stahlkonstruktion entweder gebrochen oder stark verzogen. Um die Halle wieder in einen brauchbaren Zustand zu bringen, musste man also sich zuerst um die tragende Konstruktion kümmern.
Die Herausforderung bestand darin, dass man meistens keine Zeichnungen mehr dafür zur Verfügung hatte. Also wurde ich zu den Trümmern geschickt, um die Abmessungen durchzuführen. Da verbrachte ich viele Stunden, mir den Weg durch die Reste der Fabriken bahnend, und nahm die Daten auf.
Und was hinderte mich daran, diese Daten wieder in eine fertige Fabrik umzuwandeln? – Nichts! Ich war dafür klug und willig genug – das wusste Herr Schimpf auszunutzen. Aus Daten wurden Zeichnungen, aus den Zeichnungen Stücklisten und Ausschreibungen, daraus Bestellungen und Abnahmen.
Darauf war ich natürlich sehr stolz und fühlte mich in meinem Beruf bestätigt. Wahrscheinlich hatte diese Erfahrung starken Einfluss auf meine Entscheidungsfreudigkeit im weiteren Leben. Die Verantwortlichkeit für einen Bau zu übernehmen, war nie mein Problem, unabhängig davon, wie heikel der Auftrag war.